Der Schein trügt

von KATHARINA LORENZ,  Hans und Charlotte Krull Stiftung, Juli 2018

Europa, Porzellan, handbemalt/ porcelain, handpainted

Porzellan gehört bei Weitem nicht zu den beliebtesten Materialien in der Kunst. Es ist teuer, mühsam zu verarbeiten und besonders anfällig für irreparable Schäden. Obendrein haftet ihm bis heute das biedere Image liebreizender Kleinplastik an. Rona Kobel nimmt all das nicht nur in Kauf, sondern bindet sowohl die formale Spezifik als auch die inhaltliche Konnotation der edlen Feinkeramik konzeptionell in ihr Kunstschaffen ein. Und taucht die Wirklichkeit in unschuldiges Weiß. 

Erst auf den zweiten Blick offenbaren Bibi Aisha, James Foley oder Thích Quảng Đức (Shining Recollection, 2014/15) jene Bilder des Schreckens, die einst durch die Nachrichten gingen und sich nun dem Betrachter, isoliert aus der zweidimensionalen Informationsflut, in unbehaglich realer Körperlichkeit aufdrängen. Anders als ihre fotografischen Vorlagen können die Figuren nicht einfach weggeklickt, überblättert und somit schnell wieder verdrängt werden, sondern fordern zum Innehalten in der direkten Konfrontation auf – eine Divergenz, die auf produktionsästhetischer Ebene den flüchtigen Augenblick der Momentaufnahme mit dem langwierigen Prozess der Porzellanherstellung materialbedingt kontrastiert.

Birgt etwa das Bild der zwangsverheirateten und von ihrem Ehemann verstümmelten Bibi Aisha bei näherer Betrachtung subtile Analogien zu einer Mariendarstellung, avancieren ikonographische Bezüge in Arbeiten wie Europa (2016) wiederum zum Ausgangspunkt für eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der politischen Gegenwart. So erscheint die mythologische Figur zwar in klassischer Anmutung, droht jedoch mit ihrer eigenen Hinrichtung durch den Dolch. In einer Variation spitzt Kobel die Szene dramatisch zu: Die Protagonistin erscheint nun taumelnd in zerrissenen Gewändern, den Kopf von einem Tuch verhüllt und das Messer in das blutende Herz gerammt (Europa, 2018). 

Debatten um die zunehmende Gefährdung freiheitlich demokratischer Werte hebt die Künstlerin in ihrem jüngsten Werk auf eine internationale Ebene. Die Installation Dinner for Sinner (2018) zeigt einen einladend reich gedeckten Tisch von trügerischem Schein. Rassistisch konnotierte Flora ziert die Platzteller (Hate Plates), Szenen der Verdammnis die Suppenschalen (Doom China) und rundherum gruppiert sich ebenso konfliktbehaftetes Beiwerk von weltpolitischer Sprengkraft (Meet Molly, Fat Man). Der zentral platzierte Tafelaufsatz Prop it, don’t drop it soll die Schieflage des Gesellschaftssystems auf den Punkt bringen: Während die junge Gestalt der Freiheit stets von ihrer stützenden Verantwortung abgelenkt wird und die leere Rüstung der ausgehöhlten Gerechtigkeit an Standfestigkeit verliert, setzt der erstarkte Kapitalismus seine Mission ebenso unachtsam wie ungestört fort.

In der Serie The Beast (2017) lauert die Gefahr im Verborgenen: Massiv deformierte Hände strecken sich direkt oder an langen Metallstangen befestigt aus der Wand ragend dem Betrachter entgegen. Played Cards with the Beast, Pet the Beast, Admired the Beast: Die Titel der einzelnen Objekte verraten, dass den Verwundungen stets die Begegnung mit einer unbekannten Bedrohung vorausging. Identität und Ursprung der zerstörerischen Macht bleiben ungeklärt. Sie können ebenso in der Außenwelt wie im eigenen Innenleben vermutet werden. Beklemmende Fragen nach der Fragilität und wechselseitigen Spannung von Geist und Materie, Leib und Seele oder Individuum und Gesellschaft werden dadurch geradezu heraufbeschworen.

Das Motiv der Hände kehrt in der Fotomontage Musical Night (gleich, kleines Lämmchen, gleich) (2017) wieder. Allerdings avancieren die weitgehend unversehrten Körperfragmente hier selbst zu den Herrschern über ein surreales Chaos. Sie dirigieren ein merkwürdiges Konzert der Transformation, übernehmen das Kommando über die durch Schlangen verbildlichten Urängste der Menschheit, drehen spielerisch an den Zeigern der Uhr und läuten wie von Zauberhand einen neuen Zeitabschnitt ein. 

Rona Kobel formt die Märtyrer einer sich selbst Zugrunde richtenden Welt, befeuert das lähmende Gefühl permanenter Ungewissheit, glasiert die Sehnsucht nach erlösender Veränderung und zerbricht die makellose Fassade der perfekt inszenierten Realität.

 

Foto: Trevor Good